Von Bären und Dachbodenfunden

 

Ein Sprichwort sagt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Davon können alte Bären ein Lied singen, hat doch mancher Kindheitsbär nach treuer Pflichterfüllung als Seelentröster und Freund in allen Lebenslagen sein Dasein später auf Dachböden in Pappschachteln oder auf verstaubten Regalen verbringen müssen. Ausgedient haben sie dann Jahrzehnte,auf bessere Tage hoffend, an trostlosen Orten ausharren müssen. Viele tragen Spuren der Zeit, Verbände nach allzu ruppigem Kinderspiel. Es gibt Bären, die behutsam im Waschbecken gereinigt wurden, andere wurden unsanft in die Waschmaschine gegeben. Der Pelz ist oft stark mitgenommen, geflickt oder mit Pflaster beklebt.

 

Mancher Bär wurde später wieder entdeckt und von seinem Dachbodendasein erlöst. Musste erneut Kinderseelen trösten und mit seinem abgeliebten Pelz in mancher dunklen Nacht als Trostspender herhalten. Viele Bären haben die Jahrzehnte nicht überlebt, lösten sich irgendwann auf oder wurden kaputt und schmutzig aus Hygienegründen entsorgt und in den Müll geworfen. Bärenschicksale, die einem unweigerlich in den Kopf kommen, wenn man sie auf Flohmärkten, in Auktionshäusern oder eben auf Dachböden wieder findet. Was mögen sie erlebt haben, wenn sie uns ihre Geschichten doch erzählen könnten...

 

Man möchte sie mitnehmen und ihnen ein Zuhause geben, dann könnten sie uns von ihrem Schicksal erzählen und wir könnten ihnen ein besseres Leben bieten. In den 80`èr Jahren gab es in Deutschland eine Ausstellung zur Geschichte des Teddybären. Viele Bären wurden mit ihrem Lebenslauf zu dieser Ausstellung abgegeben und erhielten eine ganz neue Akzeptanz. Ich erinnere mich noch gut an einen Bären, der von seinem Besitzer heiß geliebt und später an die kleine Schwester weitervererbt wurde...der Bruder hat den erzwungenen Erbgang immer wieder angefochten, indem er heftig an den Beinen zerrend ihn der Schwester zu entreißen versuchte...die Folgen waren schwerste Verletzungen, die mit Verbänden aus Gardinenstoff behandelt wurden.

 

Ein armer Bär hatte eine sehr eitle Besitzerin...eines Tages löste sich im Eifer des Spiels eines ihrer langen Zöpfe...vergebens waren die ungeschickten Versuche, sie wieder in Form zu bringen, die Haarpracht löste sich immer mehr und es stieg eine innere Wut in ihr auf, die sie im Zorn über ihr eigenes Unvermögen an dem armen Bennie ausließ...sie warf ihn zu Boden und trampelte wie von Sinnen auf ihm herum...als sie wieder zur Besinnung kam, ging ihr die Ungeheuerlichkeit und der Verrat an ihrem besten Freund erst richtig auf...sie schämte sich zu Tode, nahm den armen geprügelten Bären in die Arme und weinte mit ihm...er trug seine Verletzungen mit Fassung...noch heute sitzt er auf dem Regal über dem Schreibtisch...als Mahnmal sozusagen...um den gelegentlichen Jähzorn seiner Besitzerin zu dämpfen.

 

Viele Bären haben die Jahrzehnte nicht überlebt, lösten sich irgendwann auf oder wurden kaputt und schmutzig aus Hygienegründen entsorgt. Der eine oder andere Bär hatte Glück und überlebte die Spuren der Zeit. Der gute alte Klassiker Teddybär ist aber leider mittlerweile dem technologischen Spielzeug in den Kinderzimmern gewichen und es ist eine neue Generation Teddy herangewachsen...weicher, bunter, moderner...übrig bleiben die Alten als Sammelobjekte oder emotionslose Wertanlage. Diese Rubrik ist den alten Dachbodenfunden gewidmet, die eigentlich besseres verdient haben und manchmal kann man sie auf Regalen zwischen alten Büchern oder auf der Sofalehne finden, wo sie ihren Altersruhesitz gefunden haben. Auch Teddy Fröhlich hat trotz seiner Vorgeschichte seine Fröhlichkeit und seinen Lebensmut nicht verloren. Ein liebenswerter, zum Teil Holzwolle gestopfter Bär mit sehr altem Ausdruck. 

 

 

Methusalem

 

Wenn jemand die 100 Lebensjahre überschritten hat, hören wir häufig er ist…alt wie Methusalem. Methusalem, der Großvater Noahs, wurde, laut dem 1. Buch Mose, wenn man der Bibel Glauben schenken darf, 969 Jahre alt. Kann es so etwas überhaupt geben? Die Geschichte der Israeliten und ihr Verständnis von der Entstehung der Welt, der Genesis, wurde lange Zeit mündlich überliefert. Erst Jahrhunderte später folgte die theologische Deutung und Niederschrift, so dass Übertragungsfehler nicht ausgeschlossen sind, denn Mond- und Sonnenzyklen wurden offensichtlich miteinander verwechselt. Aus 969 Mondjahren kann man 78,5 Lebensjahre ableiten, was schon wesentlich realistischer ist.

 

Aber auch heute gibt es vereinzelt wirklich sehr alte Menschen. Forschungen ergaben, 150 Genvarianten sorgen für ein langes Leben. Eine Französin ist zZ mit 114 Jahren der derzeit älteste lebende Mensch der Welt. Eine Südfranzösin lebte 122 Jahre und 164 Tage und verstarb im Jahre 1997. Industrialisierung, bessere Hygiene und medizinische Fortschritte haben die Altersgrenzen nach oben verschoben. Was aber genau unsere Lebenserwartung bestimmt, ist unerschlossen. Zu viele Faktoren beeinflussen unsere körperliche Gesundheit und geistige Vitalität.

 

Forscher der Boston Universität haben sich auf die Jagd nach den Methusalem-Genen gemacht und 150 verschiedene Merkmale im Erbgut identifiziert, die ein langes Leben versprechen können.  Wer viele Methusalem Gene in sich trägt, hat gute Chancen auf ein langes Leben. Dennoch wird gesundes Altern nicht allein durch Gene bestimmt, denn Rauchen, fehlende Bewegung und schlechte Ernährung sind immer noch die gängigsten Abkürzungen in den Tod. Unser Methusalem trägt weder die entsprechenden Gene in sich, noch muss er auf gesunde Ernährung achten. Die biologische Uhr eines Bären läuft unabhängig von den genannten Einflüssen weiter.

 

Gute Pflege und Liebe ist jedoch auch für einen alten Bären unabdingbar und maßgeblich für ein langes Leben, denn auch der Teddybär feierte vor 114 Jahren seinen Geburtstag. Die wenigen Bären, die aus der Gründerzeit noch vorhanden sind, hätten alle den Namen Methusalem verdient und auch dieser Bär hat den Ausdruck und Charakter eines richtig alten Bären. Welche Geschichten könnte er uns wohl erzählen? Es wäre sicher genauso spannend ihm zu lauschen, wie die vielen Geschichten, die uns mancher 100- Jährige erzählen könnte…

Memory

 

Mit der dunklen Jahreszeit hält auch die Nostalgie Einkehr in unsere Seelen. Wir erinnern uns gerne an die gute alte Zeit, als alles noch besser und ruhiger war. Wie schön war es, als wir Kinder noch Zeit hatten mit unseren Freunden unterwegs zu sein und unsere Welt noch sorglos und alles noch heil war. Dabei neigen wir dazu, die Vergangenheit rosarot zu malen. Wir behalten überwiegend die positiven Erlebnisse uns setzen sie zu einem romantischen Puzzle zusammen. Natürlich war auch früher nicht alles wunderbar, auch wir Kinder hatten unsere Sorgen und Nöte, die wir im Laufe der Jahre verdrängen und wie durch ein Sieb die schönen Dinge im Gedächtnis bleiben.

 

Die Hochzeit unserer besten Freundin, der erste Kuss oder auch traurige Erinnerungen wie die Beerdigung eines geliebten Menschen. Während die Tage davor und danach längst verblasst sind, werden Ereignisse, die mit starken Emotionen verbunden sind als Momentaufnahme dieser Situation im Gedächtnis abgespeichert. Später erinnern wir uns oft verklärt, denn ein farbenfrohes Bild ist aus dem großen Archiv der Erinnerungen später leichter abrufbar.

 

In Japan sagt man: Gute Erinnerungen tragen unser Leben. Je mehr positive Erinnerungen wir abgespeichert haben, umso glücklicher ist unser Leben. Wir erinnern uns an Momente, Situationen, Erlebnisse oder auch an Gerüche oder den Geschmack des Sonntagskuchens, den die Oma früher immer gebacken hat. Wir erinnern uns an unser Kuscheltier, das wir als kleines Kind immer dabei hatten, das uns Sicherheit und Beständigkeit gab. Und auch unser Teddybär hatte seinen ganz eigenen Geruch, der uns vertraut und lieb war. Wir erinnern uns an ihn als Gefährten unserer Kindheit. Er ist zum Teil unserer persönlichen Geschichte geworden.

 

Eine Erinnerung, von der wir uns zeitlebens oft nicht trennen können. Viele Menschen heben Erinnerungstücke ihrer Kindheit ein Leben lang auf. Teddybären wurden aber auch oft tot geschmust und haben Zeichen der Zeit nicht überlebt. Ein Stückchen Erinnerung und Kindheit kann unser Memory jedoch wiedergeben. Gefertigt aus altem handgewebten Bauernleinen um 1900 ist er nämlich selber schon ein Stückchen Geschichte und stammt aus einer Zeit, als alte Handwerkskunst noch hoch geschrieben wurde. Sein Leinenpelz ist edel und bodenständig zugleich...ein Teil Vergangenheit, die wir in diesem Bären noch einmal aufleben lassen. Ein Sprichwort sagt: Manchmal erkennen wir den Wert eines Moments erst dann, wenn er zur Erinnerung wird.